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daedalos 11




A flor dos sonhos

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
sie war, als ob sie bluten könne, rot...
                                        Friedrich Hebbel

Es hat keinen Sinn mehr.
Das Eingeständnis fiel Daniel schwer. Bis zuletzt hatte er gehofft, auf etwas zu stoßen, das seine verbissene Suche gerechtfertigt hätte. Aber was wollte er hier, in der verfallenden Unterstadt, zu dieser späten Stunde eigentlich finden?
Den ganzen Tag über war er unterwegs gewesen, teils mit dem Auto, teils zu Fuß, immer auf der Suche nach einer Verbindung zwischen der Stadt und seinen Erinnerungen. Was er entdeckt hatte, war kaum der Rede wert: ein paar bekannt klingende Straßennamen, das Schaufenster eines alten Geschäfts, ein schmiedeeisernes Brückengeländer. Viele Dinge erschienen ihm auf seltsame Weise vertraut, und doch hatte er bislang keine nachvollziehbare Beziehung zu seiner eigenen Person herstellen können.
Nach Auskunft des Meldeamtes hatte es in der Stadt nie eine Familie Rothenbach gegeben, aber war das überhaupt sein richtiger Name?
Die »Therapie« hatte seine Erinnerung an das Davor beinahe vollständig ausgelöscht, und die Unterlagen zu seinem Fall blieben unauffindbar. Dennoch war sich Daniel sicher, daß der Schlüssel zu seiner Vergangenheit hier in Meerburg liegen mußte, auch wenn es dafür kaum greifbare Anhaltspunkte gab...
Er war müde, und die ergebnislose Suche nach einem Stück persönlicher Erinnerung deprimierte ihn. Es wurde rasch dunkel, und er mußte sich beeilen, wenn er das heruntergekommene Hotel am Frachthafen noch bei Tageslicht erreichen wollte, auf dessen Parkplatz er sein Auto abgestellt hatte.
Auch das noch, dachte Daniel, als er die verwitterten Lettern über den leeren Schaukästen eines ehemaligen Fotogeschäftes wiedererkannte, das er erst vor ein paar Minuten passiert hatte: »Foto-Jobst«.
War er tatsächlich im Kreis gelaufen?
Normalerweise konnte er sich auf seinen Orientierungssinn verlassen, doch die Straßen sahen einander zum Verwechseln ähnlich, und auf ihre Namen hatte er nicht geachtet. Erst jetzt bemerkte er, daß sogar eine Art Straßenbeleuchtung existierte, nur daß die von feuchten Nebelschwaden eingehüllten Laternen nicht mehr als ein paar gelblich-trübe Lichtpfützen auf das feuchte Kopfsteinpflaster warfen.
Überhaupt wirkten die von gedrungenen Reihenhäusern und baufälligen Fabrikgebäuden gesäumten Straßen noch enger und trostloser, als Daniel sie in Erinnerung hatte. Die wenigsten Fenster waren beleuchtet, und auf den holprigen Bürgersteigen war kein Mensch zu sehen.
Daniel glaubte sich zu erinnern, daß er beim letzten Mal nach rechts abgebogen war, und so entschloß er sich, geradeaus weiterzulaufen und der leicht abschüssigen Straße zu folgen, an deren Ende er den Fluß vermutete.
Sein Weg führte vorbei an den von Unkraut überwucherten Gewächshäusern der alten Stadtgärtnerei und maroden Vorstadthäusern, die sich haltsuchend aneinanderklammerten und mit staubblinden Fensteraugen ins Leere starrten. Irgendwo bellte ein Hund heiser den wolkenverhangenen Abendhimmel an. Die Luft war feucht und trug noch eine Spur des Qualms längst erkalteter Fabrikschlote mit sich.
Hier draußen ist wirklich die Welt zu Ende, dachte Daniel beklommen, doch plötzlich lichteten sich die Mauern und gaben den Blick auf die Laternenkette der Uferstraße frei.
Nur noch wenige hundert Meter, und er hatte es geschafft. Automatisch beschleunigte Daniel seinen Schritt und überquerte die Brücke über die Aarnau.
Als er den dunklen, lautlos dahingleitenden Fluß hinter sich gelassen hatte, registrierte er – zunächst nur unbewußt –, daß sich etwas verändert hatte.
Noch immer säumten die gleichen altmodischen Laternen seinen Weg, aber ihr Licht erschien ihm klarer und heller, als hätte jemand im Elektrizitätswerk plötzlich einen Schalter umgelegt. Der Nebel hatte sich gelichtet, und die tiefhängenden, regenschweren Wolken waren verschwunden.
Und dann hörte er es.
Es war kein einzelnes Geräusch, sondern vielmehr ein wirres Durcheinander von Lautsprecherstimmen, Rhythmen und Musikfetzen, für das es nur eine Deutung geben konnte: Jahrmarkt!
Daniel hatte geglaubt, daß Volksfeste dieser Art längst der Vergangenheit angehörten, aber die vertraute Geräuschkulisse trommelte, heulte und stampfte seine Zweifel mühelos beiseite. Beinahe automatisch beschleunigte er seinen Schritt und war nicht im geringsten überrascht, als vor ihm der von einem Meer farbiger Lämpchen beleuchtete Festplatz auftauchte.
Doch etwas war ungewöhnlich.
Niemand kam ihm entgegen.
Keine Kinder mit Zuckerwatte und Luftballons in den Händen.
Keine Betrunkenen, die sich mühsam am Geländer des Flutrinnenkanals vorwärtshangelten.
Keine ergrimmten Väter, die ihre heulenden Sprößlinge hinter sich her zerrten.
Und obwohl Daniel noch immer keine Einzelheiten erkennen konnte, begann er zu ahnen, daß der lichtüberflutete Rummelplatz vor ihm kein gewöhnlicher Jahrmarkt sein konnte. Noch merkwürdiger war allerdings, daß der offenkundige Gegensatz zwischen der geräuschvollen Kulisse und der gespenstischen Leere seine Neugier und Vorfreude kaum minderte.
»Das ist mein Jahrmarkt!« rief eine vergnügte Stimme in seinem Kopf.
Es war eine sehr junge Stimme, und sie war Teil jener seltsamen Veränderung, die Daniel weder erklären konnte noch wollte.
Die letzten Schritte bis zu dem von Lichterketten gesäumten Willkommensschild lief Daniel beinahe, und seine Finger tasteten reflexartig in den Hosentaschen nach Kleingeld.
Er erkannte sie sofort wieder: die weißgestrichene Kahnschaukel mit den beiden Überschlaggondeln, die Feuerwehr mit den Messingglocken auf dem Kinderkarussell, den Autoscooter mit seinen blitzesprühend durcheinanderwuselnden Wagen, das riesige Kettenkarussell und die Walzerbahn, aus deren Lautsprecherboxen natürlich »Satisfaction« dröhnte.
Da-dah-da-da-dah, da-dah-da-da-dah ...