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Exodus 28




Am Ende der Reise

Der Kapitän hatte aufgehört, nach den Sternen zu sehen.
Er dachte auch nicht mehr darüber nach, in welchem Winkel des Universums die ›Orpheus‹ und er gestrandet waren. Jenseits der großen Dunkelheit schienen die Sterne wie festgefroren und es gab keinerlei vertraute Strukturen, an denen er sich hätte orientieren können.
Es war auch nicht mehr wichtig.
Die im elektronischen Gedächtnis des Schiffes gespeicherten Sternenkarten waren Menschenwerk und der Sehnsucht nach klaren Verhältnissen geschuldet. Schon unterwegs, nach den ersten Raumsprüngen und der Passage diverser Singularitäten, waren sie so hilfreich gewesen wie antike Seekarten. Der Kapitän bedurfte ihrer nicht mehr, hatte sie hinter sich gelassen wie so vieles andere auch.
Hier zählten andere Dinge, die nichts mit Koordinaten, Zahlen und Kommastellen zu tun hatten. Er hatte aufgehört, nach den Sternen zu sehen, und er führte auch kein Buch über die Stationen seiner Reise. Er musste niemandem mehr Rechenschaft ablegen, das war einer der wenigen Vorzüge, die das Alter mit sich brachte.
Der Kapitän war schon alt gewesen, als er zu dieser, seiner letzten Reise aufgebrochen war. Das war lange her, und inzwischen hatte er es aufgegeben, die Tage an Bord zu Wochen, Monaten und Jahren zusammenzufügen. Zwischen den Sternen gab es keine Zeit. Sie war eine Illusion wie der Wechsel zwischen Tag und Nacht, der in seinen Genen verankert war und seinen Ursprung an einem Ort hatte, der nur noch als Mythos existierte.
Er hatte viel gesehen unterwegs, hatte Orte besucht, die noch keines Menschen Fuß betreten hatte. Manche hatten sich ihm eingeprägt, andere - die meisten - blieben Momentaufnahmen, die verblassten wie das Licht vorbeiziehender Sterne.
An Bord der ›Orpheus‹ war der alte Mann Kapitän, Pilot und Navigator zugleich. Es war nicht besonders anstrengend, diese Positionen auszufüllen, denn die Mehrzahl der Aufgaben nahm ihm das Schiff ab. Er hatte die künstliche Intelligenz an Bord »Rector« getauft, denn letztlich war sie es, die das Schiff instand und auf Kurs hielt - zuverlässig, wachsam und niemals ermüdend.
Früher hatte der Kapitän manchmal darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, einen Reisegefährten aus Fleisch und Blut zu haben. Aber das war keine ernstgemeinte Erwägung, denn die Nachteile eines derartigen Arrangements waren zu offensichtlich. Der Kapitän hatte ausreichend Erfahrung mit Zwangsgemeinschaften unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung und wusste, dass es keine härtere Prüfung für eine Freundschaft gab als das Zusammenleben in einer winzigen luftgefüllten Kapsel inmitten des Nichts.
Die Vorstellung war ohnehin rein hypothetisch, denn die ›Orpheus‹ hatte nicht nur den von Menschen bewohnten Spiralarm der Galaxis weit hinter sich gelassen, sondern auch die Sphäre der Gesetzlosen und Abenteurer, die in ihren fliegenden Nomadenstädten das Weltall durchstreiften.
Sie hatten ihm Glück gewünscht für die Reise, damals, und das war durchaus ernstgemeint gewesen ebenso wie die Segenswünsche der Ordensmänner, deren abgelegene Abteien die letzten Außenposten der Menschheit darstellten.
Im Grenzland galt sein Name noch etwas, und so hatte in ihren Grußbotschaften Respekt mitgeklungen und natürlich eine Spur Neugier. Vermutlich hatten sie von seinem Vorhaben erfahren – die Ordensmänner waren stets wohlinformiert – und schätzten seine Chancen gewiss nicht besonders hoch ein. Dennoch glaubte er zwischen den Zeilen eine gewisse Verunsicherung herauszulesen, ihm, dem Außenseiter gegenüber: Was, wenn seine Mission, bis an die Grenzen des Universums vorzudringen, tatsächlich Erfolg hatte ...?
Der Kapitän dachte in anderen Kategorien und hätte einen Begriff wie »Mission« niemals verwendet. Er hatte nicht vor, jemanden zu bekehren, nicht einmal sich selbst. Er war nicht religiös, zumindest nicht in der landläufigen Bedeutung des Wortes. Dennoch respektierte er den Orden und hatte vor seinem Abflug ein längeres und durchaus offenes Gespräch mit Pater Amseln, dem Abt von Agion Oros, geführt. Sie kannten sich seit vielen Jahren und  hatten keine Geheimnisse voreinander.
Natürlich hatte der Abt sich erkundigt, was er denn dort draußen anzutreffen hoffe, doch der Kapitän war ihm die Antwort schuldig geblieben – nicht aus bösem Willen oder weil er sich für seine Naivität schämte: Es war ihm nur unmöglich, seine Motive in klare Worte zu fassen. Im Grunde war das, was er vorhatte, völlig irrational, aber das änderte nichts an seiner Entschlossenheit: Er musste diese Reise antreten, ganz gleich, was ihn am Ende erwartete. Sie war sein letzter großer törichter Traum. Ihn aufzugeben bedeutete, sich selbst aufzugeben und jenen Rest an Unternehmungsgeist und Selbstachtung, den er noch besaß ...
Der alte Mann hatte keine Angst vor dem Tod, dafür war er ihm zu oft begegnet. Die er geliebt hatte, waren ihm schon vor langer Zeit vorausgegangen. Er vermisste sie, und manchmal fand er Trost bei dem Gedanken, dass mit seinem eigenen Erlöschen auch der Schmerz von ihm genommen werde. Doch bis jetzt hatte er dieser Versuchung widerstanden. Seine Neugier war noch immer nicht erloschen und auch nicht der Funke Hoffnung, den er wider alle Vernunft in sich trug.

Und ich hatte recht, dachte der Kapitän mit einem Lächeln und wischte die Gedanken an das Früher mit einem Schulterzucken beiseite. Besser, er widmete sich wieder seiner Schachpartie, über der er vorhin wohl ein wenig eingedämmert war. Die holografische Projektion zeigte auf den ersten Blick eine dominante Stellung von Weiß im Mittelspiel, aber dieses vermeintliche Zurückweichen von Schwarz konnte auch Taktik sein oder der Versuch, ihn in eine Falle zu locken. Die schwarzen Figuren führte natürlich Rector, dem der Kapitän allerdings ein wenig die Flügel gestutzt hatte, um Chancengleichheit herzustellen. Er hatte die Spielstärke der KI im Admin-Modus verändert und damit seine Erfolgsquote von 0 auf knapp 50 Prozent erhöht. Doch auch mit diesem Handicap blieb die Schiffsintelligenz natürlich ein ernstzunehmender Gegner.
Nach kurzem Nachdenken wählte der Kapitän einen unverfänglichen Springerzug, der die eigene Stellung zumindest nicht schwächte, und lehnte sich zurück. Der Charakter seines Spiels hatte sich geändert, seitdem sie hier festlagen. Während er früher all seinen Ehrgeiz daran gesetzt hatte, den Gegner zu schlagen, spielte er jetzt eher, um sich abzulenken und seine Nervosität niederzuhalten.
Diese Veränderung war Rector natürlich nicht entgangen und entsprechend sarkastisch fiel sein Kommentar aus: »Darf ich Sie bei allem gebotenen Respekt daran erinnern, Sir, dass das Ziel des königlichen Spieles die Demütigung der gegnerischen Majestät ist und nicht ein Remis durch dreimalige Zugwiederholung?«
Die gestelzte, leicht näselnde Sprechweise der KI war nicht vorprogrammiert gewesen, sondern das Resultat diverser Softwareanpassungen im Kommunikationsmodul. Das Ergebnis kam den Vorstellungen des Kapitäns vom Habitus eines englischen Butlers am nächsten.
»Schön, dass du mich daran erinnerst, Rector«, erwiderte er trocken. »Aber es steht dir natürlich frei, das Ganze in eine offene Feldschlacht zu verwandeln.«
»Das ist im Moment leider unmöglich, Sir«, bedauerte Rector. »Sie bekommen nämlich Besuch.«

...