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"Weltraumkrieger"




Die Gänse des Kapitols

...

“Sie haben heimlich geübt, Colonel”, sagte die Frau. Hinter den weißen Nebelschwaden, die die Dampfgrotte erfüllten, zeichnete sich ihr nackter Körper nur schemenhaft ab. Die Anerkennung in Miriams Stimme schmeichelte Farr, aber er durfte sich nicht ablenken lassen.
Sie waren allein, und das einzige Überwachungsgerät im Raum war der Sensor, der die Dampfzufuhr regelte. Die Enge das Raumes und der heiße Dampf, der auf ihrer Haut brannte, schufen eine Vertrautheit, die anderenorts kaum denkbar war.
“Nicht heimlich”, korrigierte er. “Aber ich gebe zu, daß ich nur ungern verliere.”
Dankbar registrierte er, daß das naheliegende: “Und schon gar nicht gegen ein Frau.” ausblieb. Es hätte ihre Unterhaltung in eine Richtung gelenkt, die nur allzu vorhersehbar war.
“Balinas war kein Mutant, nicht wahr?” fragte die Frau statt dessen. Der alles verhüllende Dampf machte die Antwort einfacher.
“Nein, er verschwand exakt zu dem Zeitpunkt, an dem die Angels den Kontakt zur Föderation abbrachen. Es spricht einiges dafür, daß er einer ihrer Gestaltwandler war.”
“Haben Sie ihn getroffen?”
“Ja, natürlich. Immerhin war ich einige Jahre lang Sporks Stellvertreter. Am Tag vor seinem Verschwinden bin ich ihm das letzte Mal begegnet.”
“Hat er mit Ihnen über die Burgons gesprochen?”
“Man konnte mit Balinas keine Gespräche führen, wie wir sie gewohnt sind. Ein Treffen mit ihm war wie der Gang zu einem Orakel. Und schon die klassischen Orakel waren berühmt dafür, ihre Antworten in Rätsel zu kleiden. Balinas liebte Rätsel über alles.”
“Also keine Informationen zu den Burgons?” Ihre Enttäuschung war trotz des betont sachlichen Tonfalls unüberhörbar.
“Doch, aber stets mit dem Vorbehalt der eigenen, möglicherweise fehlerhaften  Interpretation. Trotzdem bin ich zum Beispiel überzeugt, daß Balinas die Burgons nicht als eine eigene Spezies im Sinne einer evolutionären Entwicklung ansah.”
“Also keine Drachen ...”
“Balinas sprach von ‚elternlosen Streitrössern‘ ...”
Farr hörte, wie die Frau die Luft ausstieß. Als sie antwortete, klang ihre Stimme heiser: “Also biologische Raumschiffe, in Klontanks gezeugt.”
“In jedem Fall Wesenheiten, die ausschließlich dem Willen ihrer Schöpfer folgen.”
“Aber wer ...?”
“Ich bitte Sie, Captain. Sie haben doch Militärgeschichte studiert. Soviel bleibt doch gar nicht übrig, wenn wirtschaftliche, machtpolitische und religiöse Motive ausscheiden.  Immerhin wissen wir, daß keine der zerstörten Städte vorher besetzt oder geplündert wurde.”
“Haß?” Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
“Oder Rache, die klassischen Motive. ‚Der verstoßene Sohn mit dem Haupt der Medusa‘, wie es Adjutant Balinas auszudrücken beliebte. Er hatte eine Schwäche für die griechische Mythologie.”
“Und das bedeutet?”
“Wenn wir das Unmögliche ausschließen – also die außerirdischen Fabelwesen –, dann bleibt im Grunde nur eine Gruppierung übrig, die für diesen Vernichtungsfeldzug in Frage kommt.”
“Die Goleaner? Sie glauben tatsächlich, daß Menschen dafür verantwortlich sind?” 
“Menschen haben schon Schlimmeres getan, ohne von ihresgleichen verfolgt und ausgestoßen worden zu sein. Nach dem Golea-Ultimatum blieb ihnen wohl gar nichts anderes übrig, als in die Diaspora zu gehen. Aber auch das ist heute nur noch von akademischem Interesse. Entscheidend ist eine andere Frage ...”
“Und welche?”
“Was werden sie als nächstes tun ¬– und wann.”
“Sie meinen ...” Die Frau brach ab, als sie begriffen hatte. Sie wußte jetzt, worauf der Colonel wartete – seit mehr als zwei Jahrzehnten, jeden Tag, jede Stunde. Er wartete auf etwas, von dem er überzeugt war, daß es unvermeidlich war: Die Rückkehr der Burgons.
Er würde nicht weggehen von hier, ebensowenig, wie sie diesen Ort verlassen würde. Nicht, bevor sie getan hatte, was getan werden mußte ...
Sie waren einander ähnlich. Das Gefühl der Verbundenheit, das sie in seiner Nähe empfand, hatte sie nicht getrogen.
“Danke, daß Sie es mir gesagt haben, Colonel Farr”, sagte sie leise. “Ich fürchte, Sie haben recht.”
“Sie wissen doch, daß ich nicht gern verliere.” Der Dampf stand noch immer so dicht in der Kabine, daß sie Farrs Gesicht kaum erkennen konnte, aber sie wußte, daß er lächelte.
“Schon gar nicht gegen eine Frau, nicht wahr?”
“Das kommt ganz auf das Spiel an.”
Sie spielten sich die Sätze zu wie Ping-Pong-Bälle, obwohl der Ausgang längst feststand.
“Ist es denn eins?”
“Nein ...”
Es war noch immer der gleiche Ort, aber der weiße Dampf verbarg sie nun nicht mehr voreinander, sondern hüllte sie ein wie ein schützender Kokon – eine winzige Insel der Wärme und Vertrautheit auf einer verlorenen Menschensiedlung am Ende der Welt ...