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Das Todes-Labyrinth




Das graue Labyrinth

Laufen, rasten, laufen. Manchmal einige traumverlorene Stunden Schlaf wie ein Geschenk. Einer hält Wache, immer.
Sie sprechen wenig, vielleicht weil ihre Stimmen hier unten so fremd klingen, dass ihr Klang sie erschreckt.

Laufen, sichern, laufen. Sie sind müde, selbst am Morgen, wenn das, was dem Schlaf folgt, überhaupt ein Morgen ist. Die Zeit hat ihre Bedeutung verloren hier in der Unterwelt. Laufen, rasten, laufen. Sie halten Abstand und verharren vor jeder Kreuzung der gewundenen Gänge mit schussbereiten Waffen. Noch ist die Furcht stärker als ihre Erschöpfung.
Die Männer achten darauf, dass Miriam stets an zweiter oder dritter Position läuft. Es ist ihr unangenehm, aber sie bestehen darauf – nicht aus Ritterlichkeit und schon gar nicht, weil sie eine Frau ist. Sie ahnen, dass sie stärker ist als jeder einzelne von ihnen. Es ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, denn die Kommandantin weiß etwas. Wenn sie nicht darauf bestanden hätte, die graue Wüste zu Fuß zu durchqueren, wäre die „Nemesis“ an der Barriere zerschellt. Die Männer vertrauen ihr, auch wenn sie sich vor dem fürchten, was sie in ihren Augen lesen können.
Laufen, sichern, laufen. Es gibt nichts, woran sich das Auge festhalten könnte. Und inzwischen vertrauen sie auch Henrys Routenspeicher nicht mehr, dessen Aufzeichnungen immer widersprüchlicher werden. Die Wände sind grau wie der Boden zu ihren Füßen und die vertrockneten Überreste verendeter Tiere, auf die sie gelegentlich stoßen. Sie müssen uralt sein, denn sie zerfallen bei der geringsten Erschütterung zu Staub – grauem Staub.
Selbst das Licht hier ist grau und kennt keinerlei Nuancen. Sie haben längst aufgegeben, nach seinem Ursprung Ausschau zu halten. Es gibt keinen. Das graue Dämmerlicht ist Teil des Labyrinths wie die gewundenen Gänge und die Geschöpfe, die darin hausen.
Es muss sie geben, denn manchmal hallt kreischendes Gelächter wie die Schreie eines Irren durch die Gänge, das sie erschauern lässt. Auch deshalb teilen sie stets eine Wache ein, bevor sie sich zur Ruhe legen.

Laufen, sichern, laufen. Sie wissen nicht, wie lange sie schon unterwegs sind, obwohl ihre Compads nach wie vor funktionieren. Aber die Ziffern auf dem Display sagen ihnen nichts; sie gehören in eine andere Welt. Es ist, als seien sie aus der Zeit herausgefallen – aus der Zeit und aus dem Leben.
Die Existenz hier unten kann man nicht Leben nennen, obwohl sie weiterhin atmen, essen, trinken und schlafen und sogar den eigenen Puls fühlen können, wenn sie den Daumen aufs Handgelenk legen. Alles, was ihnen geblieben ist, sind Erinnerungen, und selbst die erscheinen ihnen von Tag zu Tag unwirklicher.
Das Gewicht der grauen Wände lastet auf ihnen wie ein Alpdruck, der ihre Gedanken, Hoffnungen und Ängste auf eine einzige Frage reduziert: Wie lange noch?
Niemand wagt sie zu stellen, dieser Frage, aber sie steht in ihren Augen, klingt in ihren Worten mit und verrät sich in jeder Geste: Wie lange noch?
Die einzige, die – vielleicht – die Antwort kennt, ist die Frau in ihrer Mitte. Aber die Kommandantin schweigt. Ihre Energie jedenfalls scheint unerschöpflich. Noch nie hat sie Erschöpfung erkennen lassen oder gar eine Pause verlangt. Dabei ist ihr Rucksack der schwerste aller Ausrüstungsgegenstände. Der Zwerg weiß es. Er hat ihn heimlich angehoben, als Miriam schlief – angehoben, aber nicht geöffnet. Den Mut hat nicht einmal er, der sonst vor nichts zurückschreckt...

Laufen, sichern, laufen. Die Gänge, die sie durchqueren, unterscheiden sich in nichts voneinander und jeder Richtungswechsel nährt zusätzliche Zweifel: Was, wenn die Geräte lügen und sie doch im Kreis gelaufen sind? Was, wenn das Labyrinth selbst die Falle ist, die sie hinter jedem Abzweig vermuten?
Miriam Katanas Befürchtungen gehen in die gleiche Richtung. Dieses Labyrinth braucht keinen Minotaurus. Es tötet seine Opfer, indem es ihnen die Erinnerungen raubt – Bilder, Farben, Geräusche, ausgelöscht vom allgegenwärtigen Grau, das sich wie eine Säure in ihr Bewusstsein frisst.
Heute morgen hat sie zum ersten Mal die Beherrschung verloren, als ihr plötzlich bewusst wurde, dass sie Ray verloren hat. Nicht an eine andere Frau, sondern aus ihrer Erinnerung. Sein Gesicht, sein Lächeln, sie sind einfach verschwunden, so verzweifelt sie sich auch müht, sie ins Gedächtnis zurückzurufen. Sie weiß nicht, wie lange sie es noch ertragen kann, dieses Grau um sich herum, das ihre Seele verschlingt ...
Aber sie ist die Kommandantin. Die Männer vertrauen ihr. Das kann sie in ihren Blicken lesen. Sie muss stark sein, auch wenn sie sich am liebsten in einen Winkel verkriechen würde und losheulen.
Als die Schläfer erwachen, sind die Morgenrationen bereits verteilt, und in den Bechern dampft Tee, bar jeglichen Aromas zwar, aber wenigstens heiß. Es ist nicht mehr als eine Geste, aber die Männer sind dankbar, und der Zwerg – ein verwelktes Kind – riskiert sogar ein Lächeln, das so kläglich ausfällt, dass es ihr wehtut.
Dann brechen sie auf.

Laufen, sichern, laufen. Jeder Schritt, jede Bewegung ist Routine. Sie halten Abstand und kämpfen gegen die Versuchung an, wenigstens für ein paar Sekunden die Augen zu schließen. Der Untergrund ist eben; wahrscheinlich würden sie nicht einmal ins Stolpern geraten dabei ...

Henry geht voran, die Waffe pflichtgemäß im Anschlag, aber sein Blick ist stumpf.  Er sollte nicht hier sein. Er ist Ingenieur, kein Soldat, und der lange Fußmarsch hat ihn zermürbt. Natürlich weiß er, dass keine Umkehr möglich ist, dennoch sehnt er sich zurück an Bord der „Nemesis“. Das Schiff ist seine Welt, die Maschinenräume, Bedienkonsolen und das beruhigende Summen der Aggregate.
Es war ein Fehler, sich für diese Mission zu melden, das weiß er jetzt, nicht nur wegen Annie. Der stumme Vorwurf in ihrem Blick tut immer noch weh. Seltsam, die Erinnerungen an ihr Zusammensein sind verblasst, aber ihr Gesicht sieht er deutlich vor sich. Annie ist blass, ihre Augen groß und dunkel, und trotz der geringen Auflösung des Monitorbildes kann er erkennen, wie sie sich auf die Lippen beißt.
Ob sie damals schon etwas geahnt hat?
Henry schüttelt unwillig den Kopf. Niemand konnte das hier voraussehen, nicht einmal Captain Katana. Auch sie hat jemanden zurückgelassen und dennoch keinen Augenblick gezögert, die Verfolgung der flüchtigen Stadt aufzunehmen. Henry bewundert ihre Entschlossenheit, aber manchmal macht sie ihm auch Angst. Sie ist so auf das Ziel fixiert, dass sich jeder Gedanke an Umkehr von selbst verbietet.
Dennoch kann er seine momentane Situation nicht dem Captain zum Vorwurf machen. Die Kommandantin hatte ihm angeboten, ja, sogar geraten, auf dem Schiff zu bleiben und bis zu ihrer Rückkehr die Stellung zu halten. Aber diese Blöße hatte er sich nicht geben wollen, nicht vor ihr und nicht vor den anderen. Inzwischen dachte Henry anders darüber, der Zwerg, vermutlich auch, der mit verkniffener Miene hinter ihm hertrippelt. Der Hofnarr der Kommandantin reißt längst keine Witze mehr ...
Mechanisch setzt Henry einen Fuß vor den anderen, während er darüber nachgrübelt, was Annie jetzt wohl tut. Ist sie überhaupt noch auf Pendragon Base oder schon auf dem Weg in die Heimat? Wie wird sie die Nachricht vom Verschwinden der „Nemesis“ aufnehmen, falls sie sie überhaupt schon erreicht hat? Ist er überhaupt noch Teil ihres Lebens?
Die Ungewissheit ist noch schwerer zu ertragen als das Grau ringsum. Er hätte Annie niemals alleinlassen dürfen...
Als er ein Geräusch hört, glaubt Henry zunächst an eine Sinnestäuschung, aber das Rauschen wird lauter, rasch, und bevor er reagieren kann, ist es bereits heran und stürzt wie eine dunkle Wolke auf ihn herab. Etwas trifft Henry am Hals, nicht heftig, aber der Schmerz durchzuckt seinen Körper wie ein elektrischer Schlag. Benommen taumelt er zurück und verliert seine Waffe. Henry möchte schreien, bringt aber nur ein ersticktes Gurgeln hervor, und als er fällt, greifen seine Hände ins Leere.
Er hört Schüsse, aber sie sind seltsam weit weg, wie durch einen Wattebausch gedämpft. Alles ist mit einem Mal ganz weit weg, auch der Schmerz, und dann ist da nur noch ein Gesicht. ihr Gesicht, das sein Blickfeld ausfüllt und sich auf ihn herabsenkt wie eine schützende Decke. Annis Blick ist ernst und aufmerksam, aber ihr Mund lächelt, und so lächelt auch Henry, bevor sein Bewusstsein erlischt wie eine müde Kerzenflamme.

Ein triumphierender Schrei durchhallt die Gänge, bevor sich das Rauschen der Schwingen in der Ferne verliert, aber den hört Henry Phillip Jenkins nicht mehr. Sein Weg ist hier zu Ende, das wissen auch die anderen, noch bevor sich Miriam als erste mit zitternden Knien erhebt.
Die Kommandantin weiß nicht, was Henry getötet hat, dafür ging alles zu schnell. Aber sie weiß jetzt, dass auch das graue Labyrinth seinen Minotaurus hat und dass sie ihn töten muss, wenn sie den Ausgang erreichen wollen.
Der Schock vergeht, und ihre Gestalt strafft sich.
Miriam Katana ist bereit.