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Weshalb ich keine Science Fiction mehr schreibe


Auf dem Weg

Kein Blick zurück im Zorn


 
„Wir sind so gerne in der freien Natur, weil sie keine Meinung über uns hat.“
(Friedrich Nietzsche)


Ich gebe zu, die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen. Immerhin liegen da noch drei angefangene Manuskripte in der virtuellen Schublade, in die ich einiges an Zeit und Ideen investiert habe. Die werden nun unvollendet bleiben, womit ich ihnen allerdings auch das Schicksal der letzten beiden Novellen erspare, die selbst vom Genrepublikum ignoriert wurden. Vieles hat sich geändert in den letzten Jahren und nichts davon zum Guten, wobei die Nische deutschsprachiger SF ohnehin nur eine winzige Facette gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen ist.

Dennoch ist diese Entscheidung kein Rückzug im Zorn, denn ich habe dem Genre und dem literarisch interessierten Teil des SF-Publikums eine Menge zu verdanken. Ich erinnere mich noch an meine Überraschung, als meine 1999 erschienene Kurzgeschichte „Das große Rennen“ auf Anhieb Platz zwei bei der Vergabe des Deutschen Science Fiction Preises belegte – eine Parabel, die eigentlich nicht allzu viel mit SF im klassischen Sinne gemein hat. Heute wäre eine solche Platzierung und selbst eine Nominierung undenkbar. Für den zweiten Platz konnte ich mir zwar nichts kaufen, aber er war eine große Ermutigung, auf diesem Weg weiterzugehen. Auch damals gab es für deutschsprachige SF jenseits des Mainstreams keinen Markt und somit auch keine relevanten Verdienstmöglichkeiten. Das war für mich jedoch nicht ausschlaggebend, denn ich schrieb nebenberuflich, und die Anerkennung der Eingeweihten war Lohn und Ansporn genug.

So schrieb ich unbeirrt weiter und die Erfolge blieben nicht aus, denn die meisten meiner längeren Erzählungen wurden für die einschlägigen Genrepreise nominiert und zwei davon (2008 und 2012) sogar ausgezeichnet. Auch mein über viele Jahre betriebenes Projekt einer modernen Version von Bradburys „Mars-Chroniken“ war letztlich erfolgreich und wurde 2008 mit dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet. Es war ohnehin eine Zeit, in der das Stiefkind des Genres, die deutschsprachige SF-Geschichte, eine kurze Blütezeit erlebte, woran die Magazine NOVA, wo fünf meiner Geschichten erschienen, und später „Exodus“ sowie die von Helmuth W. Mommers herausgegebene Reihe „Visionen“ entscheidenden Anteil hatten. Aber der Höhenflug währte nicht lange; die „Visionen“ mussten mangels wirtschaftlichen Erfolgs ebenso eingestellt werden wie die ebenfalls von engagierten Herausgebern betreute SF-Anthologiereihe im Wurdackverlag.  Heyne vollzog den Abschied von der SF-Kurzprosa schon früher; die letzte Anthologie erschien im Jahr 2002 mit meiner ersten und einzigen dort veröffentlichten Geschichte („Der Garten der Persephone“).

Es war dennoch eine Zeit, an die ich gerne zurückdenke, denn es gab ein zahlenmäßig zwar überschaubares, aber engagiertes Publikum auch für Texte jenseits des Mainstreams, und wenn es einmal Streit gab, dann ging es um Inhalte (literarische vs. Hard-SF) und kaum um persönliche Animositäten.

Als klar wurde, dass die ausschließliche Beschäftigung mit Kurzprosa auf Dauer keine Entwicklung zuließ, wagte ist mich – angeregt durch Dan Simmons‘ großartigen „Hyperion“-Zyklus –  an ein Romanprojekt, das sich auf Grund seiner Komplexität zu einer dreibändigen Space Opera auswuchs, die zwischen 2012 und 2015 unter dem Titel „Götterdämmerung“ erschien. Die Kritiken waren gut bis euphorisch, der wirtschaftliche Erfolg blieb dagegen überschaubar, was angesichts des Aufwands schon eine gewisse Enttäuschung war. Darüber konnte auch der zweite Platz beim Kurd-Lasswitz-Preis nicht hinwegtrösten. Außerdem war inzwischen auch absehbar, dass dies die letzte Nominierung für einen meiner Texte sein würde – aus durchaus außerliterarischen Gründen.

Die Grenzöffnung für jedermann durch die Regierung Merkel im Jahr 2015 hatte den Graben in der Gesellschaft derart vertieft, dass keine offene Diskussion und erst recht kein Konsens mehr möglich waren. Wer nicht in den Jubelchor einstimmte oder gar Kritik wagte, galt fortan als unanständig, „Fremdenfeind“ oder gar „Nazi“.

Da es mir nicht gegeben ist, aus Opportunitätsgründen mein Fähnlein nach dem Wind zu hängen, schwieg ich nicht zu einer Politik, die mir vernunftwidrig und selbstzerstörerisch erschien, was mir die erbitterte Feindschaft selbsternannter „Anständiger“ insbesondere aus dem Westen unseres schönen Landes mit den üblichen Ausgrenzungsritualen als Folge eintrug.

Somit reduzierte sich die ohnehin überschaubare Zielgruppe meiner Texte weiter – eine Entwicklung, die mit der zunehmenden Trivialisierung der Genreliteratur und Paradigmenwechseln in den nominierenden Gremien einherging (Sprache, Stil und Atmosphäre eines Textes sind heutzutage eher zweitrangig). Wer in der Politik nicht fähig ist zu differenzieren, der vermischt auch in der Literatur Autor und Werk, wie wir derzeit an der gehässigen Kritik am Nobelpreis für Peter Handke beobachten können.

Obwohl der Kampf gegen die Windmühlen der Ignoranz aussichtslos war, scheute ich mich lange, die Konsequenzen zu ziehen – bis heute. Es fällt schwer, die ausgetretenen Pfade zu verlassen, selbst wenn kein Ziel mehr erreichbar ist. Die beiden Projekte, die mir besonders am Herzen lagen, der Marsroman und die Space Opera „Götterdämmerung“ sind vollendet, und vielleicht wäre das, was jetzt noch käme, ohnehin zu einem Gutteil Selbstreferenzierung. So ist die Entscheidung, der Science Fiction Lebewohl zu sagen und andere Felder der phantastischen Literatur zu bedienen, auch ein Aufbruch zu neuen Ufern.

Was mir noch bleibt, ist, all jenen Dank zu sagen, die mich in den letzten zwanzig Jahren auf diesem Weg begleitet haben. Das sind in der Chronologie: Franz Schröpf (Fantasia), Wilko Müller (Solar-X), Ronald M. Hahn, Helmuth W. Mommers und Michael Iwoleit (NOVA und „Visionen“), Heidrun Jänchen und Armin Rößler (Wurdack), Guido Latz und sein Team (Atlantis) und viele andere.

Darüber hinaus bedanke ich mich bei allen Lesern und Kollegen, die mir bis heute zur Seite gestanden haben, und trage den anderen nichts nach (es wäre ihnen vermutlich auch gleichgültig). Wer am Ende Recht behält, wird die Zeit weisen…

 

Frank W. Haubold, im November 2019