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Das Tor der Träume





Stille Nacht

Gelbe Lichterpaare gleiten über verschneite Straßen. Männer in roten Mänteln hasten durch die Nacht. Masken, die Masken verbergen. Stille zieht ein. Das tausendgliedrige Tier hat sich in seine Höhle zurückgezogen.
Der harzige Geruch sterbender Bäume durchzieht die Stuben. Puppenaugen lächeln in erhitzte Kindergesichter, glitzernde Geschenkberge bitten um Vergebung.
Marie starrt in das Licht der Kerzen. Das Gesicht des Mannes liegt im Schatten, und das ist gut so. Marie weiß nicht, ob sie sein Lächeln ertragen könnte.
Oma Elfi ist zu Besuch. Sie trinken Glühwein. Marie weiß, daß er sie nicht schlagen wird an diesem Abend, dem heiligen. Und sie hofft, daß er zu betrunken sein wird, um das Tier freizulassen, das hinter seinem Lächeln lauert.
»Stille Nacht«, dröhnt es aus den Lautsprechern der neuen HiFi-Anlage. Marie denkt an Mamas Geschenk, das sie unter ihrem Kopfkissen versteckt hat. Ihre Augen glänzen, als der Mann sie auf die Stirn küßt. Sie prägt sich die Linien seines hageren Halses ein. Das Tier mag kein Licht. Deshalb schließen sie abends immer die Rolläden, vielleicht auch wegen der Schreie.
»Du darfst nicht an früher denken, als er noch ein Mensch war«, hat Mama gesagt. »Wenn du schwach wirst, bringt er dich um.«
Marie weiß, daß Mama recht hat. Heute abend wird sie nur an das Tier denken, nicht an dieses Früher, als Mama noch bei ihnen war. Nicht heute abend.
Oma Elfi sagt, Mama wäre jetzt ein Engel, aber das weiß Marie besser...
Sie öffnet ihre Geschenkpakete, stößt kleine, spitze Jubelschreie aus. Er mag ihre Schreie, er und das Tier. Marie schließt die Augen, als sie ihn auf den Mund küßt. Er riecht nach Glühwein und Rauch. Es ist noch nicht einmal acht, und seine Augen sind schon ein wenig gläsern. Der Glühweintopf ist noch fast voll.
»Danke, Papa«, sagt Marie zu der Maske, hinter der sich das Tier verbirgt. »Du bist lieb.« Oma Elfi lächelt gerührt.

Es ist spät. Draußen verkündet Glockenklang das Ende der Mitternachtsmesse. Eine unübersehbare Menschenmenge quillt aus den Toren der Kirche. Die Männer tragen lange, dunkle Wintermäntel, die Frauen präsentieren ihre Festtagsfrisuren. Bekannte und Geschäftspartner verabschieden sich händeschüttelnd. Motoren brummen auf, und wenig später liegt der Marktplatz wieder still im warmen Schein der Lichterketten.
Marie hat eine Kerze angezündet. Nur eine, sonst würde man die häßlichen Flecke an Wand und Decke sehen – und Mamas Weihnachtsgeschenk, das jetzt voller Blut ist. Der Mann auf der Couch liegt still. Marie hat einen Schal um seinen Hals gewickelt, damit er nicht friert.
Das Tier ist tot. Marie ist sich da ganz sicher, sie hat nachgesehen.
Ihr ist kalt, und sie sich wünscht sich, irgend etwas fühlen zu können: Zorn, Mitleid, Trauer. Doch da ist nichts, nur die Kälte, die sich in ihren Körper frißt.
Die bunten Kisten und Kästchen unter dem Weihnachtsbaum werden plötzlich größer und stürzen auf sie zu.
Doch Marie fällt weich. Ein riesiger, albern grinsender Plüschteddy mit dem Schal von Papas Lieblingsmannschaft dämpft ihren Sturz. Marie starrt in das flackernde Licht der Kerze und würde gern weinen.
Wenn sie erst wieder weinen kann, wird alles gut werden, hat Mama gesagt.